Mit Abstand haben wir Musiker und Produzent Marco Kleebauer am Yppenplatz in Wien getroffen. In der österreichischen Musiklandschaft ist er schon lange kein Unbekannter mehr, denn neben seiner eigenen Musik produziert er auch für Oehl, Bilderbuch und Ant Antic
Mit seinen Bands Leyya und Sharktank hat er vor kurzem neue Musik herausgebracht, bald folgt mehr – auch solistisch. Während Vieles in diesem Jahr still steht, scheint Marco sehr produktiv zu sein. Dabei steht bei ihm die Qualität immer an erster Stelle und so wird auch manchmal tagelang an dem perfekten Drumsound gefeilt. Denn, zu allererst macht er Musik für sich selbst. Und wenn es dann noch jemand anderen gefällt,
„ist es auch cool.“ 
Über seinen authentischen Zugang zur Musik, über richtige Zeitpunkte in der Musikbranche und wie er die nun verfügbare Zeit durch abgesagte Live-Konzerte genutzt hat, spricht Marco mit uns im Interview. 
2020, was für ein Jahr. Du wirkst aber, als wärst du recht produktiv gewesen, oder?
Marco: Ja, dadurch, dass wir nicht live spielen können, hat sich einiges geändert bei mir und jetzt hab‘ ich Zeit, dass ich mehr Musik mache. Ich bin grundsätzlich ein Mensch – wenn ich Zeit hab‘ und wir nicht auf Tour sind, dann verbringe ich jeden Tag im Studio. Ich bin einfach schlecht im Relaxen. Und da heuer nicht wirklich Livekonzerte geplant sind, mach‘ ich halt einfach Musik und schau‘, was passiert. Einen Plan hab‘ ich da nicht wirklich. Aber dafür fühlt es sich für mich auch nicht wirklich nach Arbeit an. Ich wüsste aber ehrlich gesagt auch nicht, was ich sonst machen soll. (lacht )
Und jetzt ist es eben auch so, dass alle Zeit haben. Das ist der Vorteil an dem ganzen Wahnsinn, der gerade passiert. So kann man das auch ein bisschen positiv sehen, dass jeder Zeit hat, für das was einem Spaß macht und nicht davon abgelenkt wird, was man glaubt, das man machen sollte.

So hat sich ja jetzt auch Sharktank gegründet, oder?

Marco: Ja genau. Also ausgegangen ist es von Bandmitglied Mile. Den kenne ich schon länger und er ist eigentlich eine ziemlich gestresste Person. Er hat Job und Familie und es geht immer ab bei ihm. Hin und wieder haben wir es geschafft, dass wir was trinken gehen, aber nie, dass wir gemeinsam Musik machen. Und heuer hat es einfach gepasst. Er ist mal spontan bei mir vorbeigekommen und dann war auch noch die dritte im Bunde, die Kathrin, dabei und wir haben in vier Tagen vier Songs geschrieben, produziert und gemischt. Das war ziemlich unüberlegt, aber es hat einfach Spaß gemacht. Jetzt ist eben auch Raum dafür, dass man spontan etwas macht. Jetzt, wo die Sachen rausgekommen sind, ist es aber gar nicht so einfach, dass sie nicht untergehen, weil gerade so Viele Musik rausbringen, weil ja alle Zeit haben. 

Wie läuft bei euch das Marketing? Habt ihr ein Konzept dahinter?

Marco: Also grundsätzlich bin ich da mit meinen Kolleg*innen sehr am gleichen Level, dass wir bei den Projekten gar nicht so viel darüber nachdenken. Wir machen einfach Musik. Bei Leyya gibt’s mittlerweile ein Management, die machen das dann für uns. Also für die Single, die jetzt gerade rausgekommen ist, gibt’s einen Promoplan. Ich hab‘ keine Ahnung, wie der aussieht, aber ich weiß, dass es einen gibt. (lacht )
Ich hab‘ da immer eine sehr klare Linie gezogen. Ich muss nicht immer alles wissen, da verliert das Musikmachen für mich die Magie, wenn ich mich zu sehr von der Thematik einvernehmen lasse, wie man Musik vermarktet. Da gibt’s Leute, mit denen wir zusammenarbeiten und denen vertraue ich dann. Andere Kolleg:innen beschäftigen sich gern damit, auch mit Social Media. Ich bin da eher konservativer. Ich mach schon auch Social Media, aber halt anders …

Ja, du bist jetzt Drumfluencer und postest Stories auf Instagram zu deiner Drumsetmikrophonierung.

Marco: Ja, irgendwie hab‘ ich mich da am Anfang ziemlich lustig gemacht darüber, aber unterm Strich ist es ziemlich gut angekommen. Und mittlerweile denke ich mir sogar: „Mah, jetzt sollte ich wiedermal was posten.“ Und sobald Humor dabei ist, können die Leute anscheinend damit was anfangen und dann krieg‘ ich oft Antworten von Personen, die gar nichts mit Musikproduktion am Hut haben und es trotzdem lustig finden.

Und geht dir das Live-Spielen gerade ab?

Marco: Ja, wie es oft so ist – man will immer das, was man gerade nicht haben kann. Ich hab‘ eine Zeit gehabt, da haben wir extrem viel gespielt. Da hab‘ ich mir dann schon gedacht, ich weiß nicht, ob das was für mich ist, weil wir ständig unterwegs waren und ich wollte einfach nur Musik machen. Aber in den Hotelzimmern war das auch irgendwie komisch. Ich hab’s gemacht, aber eigentlich wäre ich oft lieber im Studio gewesen. Und jetzt bei so viel Zeit im Studio denk‘ ich mir oft, live zu spielen wäre wieder nett. Die Balance fehlt halt. 30% live, 70% Studio, das wäre cool.
Aber was machst du jetzt eigentlich alles? Gib‘ uns mal einen Überblick.

Marco: Grundsätzlich produziere ich Musik. Auch für andere Bands und Künstler*innen, manchmal nur einen Song, manchmal ein Album. Ich versuche das so offen wie möglich zu halten und Neues auszuprobieren. Ich schreibe und produziere zum Beispiel gerade für Oehl. Das ist relativ viel Arbeit, weil ich da nicht nur die Musik produziere, sondern generell sehr involviert bin, was die Musik betrifft. Und dann hab‘ ich noch meine eigene Band, Leyya, und das neue Projekt Sharktank. Und ich mach‘ auch wieder Solomusik. Immer mal wieder produziere ich auch für Bilderbuch. Da wechsle ich einfach immer ein bisschen durch, aber das ist auch das Coole daran. Dass es so abwechslungsreich ist.
Aber wie koordinierst du das? Das klingt nach extrem viel Arbeit.
Marco: Ich hab‘ ein Management, das das terminliche regelt. Das funktioniert eigentlich ganz gut. Ich sag‘ auch nicht zu allem ja. Obwohl mir das Nein-Sagen schon schwerfällt, weil ich es halt so gerne mache. Für kurze Zeit hab‘ ich definitiv mehr gemacht, als ich hätte sollen, aber da merkt man dann eh schnell, dass die Qualität abnimmt. Und das ist einfach nicht mein Stil. Wenn ich was mache, dann möchte ich mich darin selbst verwirklichen und dann ist es fertig, wenn ich finde, dass es fertig ist. Das kann dann auch schon mal ein paar Tage mehr im Studio bedeuten, als ursprünglich ausgemacht. 

Nach zwei Jahren Pause mit Leyya habt ihr jetzt eure neue Single  The Paper herausgebracht. Warum die Pause?
Marco: Ja, wir haben das Gefühl gehabt, wir haben gerade nichts zu sagen. Auch wenn uns ständig gesagt wird, wir sollen kontinuierlich etwas rausbringen. Wir haben einfach so das Gefühl, auch wenn wir zwei Jahre still sind, dann ist das okay. Auch wenn es wirtschaftlich gesehen nicht besonders lukrativ ist, aber dieses Projekt ist uns einfach zu wichtig. 
Wir sind damit musikalisch sozialisiert worden und es ist sehr in unserer Identität verankert. Und da dauert es oft auch einmal länger. 
Der Song, den wir jetzt rausgebracht haben, den gibt’s eigentlich schon seit zwei Jahren. Aber es hat einfach passen müssen. Oft haben wir Sachen schon zum falschen Zeitpunkt rausgebracht und das macht einfach was mit einem, wie man seine eigene Musik wahrnimmt. Weil wir ja in erster Linie für uns selbst Musik machen, so wie wir es immer schon gemacht haben. Wenn es jemand anderen gefällt, ist das natürlich cool. Darum haben wir gesagt, wir müssen hinter allem, was wir machen dahinterstehen können. Das müssen zu 100% wir sein.
Das ist echt ein schöner Ansatz. Das läuft aber oft anders im Musikbusiness …
Marco: Das ist eben die Musikerseite. Wenn vom Management etwas anderes kommt, versteh ich das natürlich auch. Man muss immer auch wissen, warum man das Ganze macht. Uns bringt’s halt nichts, wenn wir viele Streams haben, aber die Musik ned gspian.

Hast du eigentlich Vorbilder für deine Arbeit?

Marco: Musikalische Vorbilder nicht wirklich. Ich finde oft die Idee von etwas besser, als es eigentlich ist. Also zum Beispiel mag ich die Idee von Radiohead, aber ich mag Radiohead nicht. Manche Bands hebt man einfach auf so ein Podest und es hat nichts mit der Realität zu tun. Es hat natürlich Zeiten gegeben, da habe ich Musik gehört, die mir extrem gut gefallen hat und die mich dann auch unbewusst beeinflusst hat, weil ich das imitieren wollte. Als ich das dann realisiert habe, hat es ewig gedauert, das wieder loszuwerden. Inspiration hole ich mir lieber vom Alltag, es inspiriert mich einfach mehr, wenn etwas meine eigene Geschichte ist und nicht die von jemand anderem. 

Wann war deine Kunst der Stunde?

Marco: Ich bezweifle, dass das am Anfang Kunst war … (lacht) 

Ich hab‘ einfach immer schon auf Sachen herumgetrommelt. Und es hat sich irgendwie nie die Frage aufgetan, ob ich was anderes machen möchte. Ich hab‘ mich schon öfter gefragt, ob es wohl reichen wird und ob es funktioniert, dass ich irgendwann davon leben kann. Aber ich hab‘ schon gewusst, dass ich das machen will, weil es mir so eine Freude macht. Früher hab‘ ich Instrumente gespielt und versucht, das auf so einem miesen Computer von meinen Eltern aufzunehmen, das hat natürlich gar nicht funktioniert. Aber so hat trotzdem die Liebe zum Aufnehmen begonnen. Es hat mir mehr Spaß gemacht, mich selbst spielen zu hören, als das Spielen an sich. Ich hab‘ mich dann auch an meiner Schule für den Musikzweig entschieden und bin dann nach Wien gegangen um dem nachzugehen. Ich bin auch nie wirklich fortgegangen. Schon als Teenager bin ich den ganzen Tag vorm Computer gesessen. Jetzt denke ich mir schon, dass ich früher mehr fortgehen und mich betrinken hätte sollen. Aber zu dem Zeitpunkt hat sich nicht so angefühlt, als würde ich da großartig was aufopfern. 


Du bist dann nach Wien gegangen und hast Musik studiert?!

Marco: Ja, genau. Ich bin nach Wien gegangen und hab‘ gewusst, ich mach‘ Musik. Aber ich habe selbst auch noch ein bisschen eine Rechtfertigung gebraucht, weil ich mir bewusst war, die werden mir nicht einfach so die Türen einlaufen und mich anbetteln, dass ich für sie Musik produziere. Und da hab‘ ich nach einem Studium gesucht, wo ich viel praktische Anwendungen bekomme und so bin ich beim Studium für Medienmusik gelandet. Ich war der erste und zu dem Zeitpunkt auch der einzige, der das studiert hat. Aber irgendwie war das ziemlich cool. Es war alles auf Augenhöhe und ich hab‘ viel an meiner eigenen Musik arbeiten können. Die werden sich einfach gedacht haben: „Der macht schon sein Ding, lassen wir ihn einfach machen.“ Die ganze Theorie hat mich nicht so interessiert, es ist schon cool, etwas darüber zu wissen, aber bei meiner Arbeit hab‘ ich noch nie wirklich Theorie gebraucht. Das meiste entsteht, wenn ich einfach dahinklimpere.

Kannst du uns verraten, was in nächste Zeit so passiert und was du vorhast?

Marco: Einen genauen Zeitplan kann ich leider nicht sagen, weil ich ihn nicht weiß. (lacht) Die neue Single von Leyya ist gerade rausgekommen, da kommt Anfang nächsten Jahres wahrscheinlich noch mehr. Ende November kommt eine EP von Sharktank auf Vinyl und mein Soloalbum kommt auch nächstes Jahr. Mit Oehl wird auch sicher noch was kommen.​​​​​​​​​​​​​​


das Interview führten Katharina Augendopler und David Samhaber am
Dienstag 20. Oktober 2020 – Wien, Yppenplatz
Fotografien: Andrea Eiber
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