New York, Berlin, Franckviertel - eine Reise ins Schlot
Wir sitzen im Garten am Gelände einer ehemaligen Matratzenfabrik in weißen Garnituren, mit Blick auf die belebte Franckstraße mitten im gleichnamigen Linzer Bezirk, dem Franckviertel. Was von der Straße kaum erkennbar ist, eröffnet sich erst im Inneren des aufgelassenen Fabrikgebäudes. Nämlich der „Schlot“. Was das jetzt eigentlich genau ist, fragen wir Birgit Koblinger, ehemals Glaserin, heute Kulturmanagerin, Künstlerin und Gründerin vom Schlot.
Woran arbeitest du gerade?
Birgit: Künstlerisch habe ich mich gerade auf die Ausstellung „Achtung heiß und fetzig: Frisches aus der Fabrik!“ vorbereitet, eine Einzelausstellung, die am 21. November 2019 eröffnet wurde. Hauptsächlich habe ich mit Glas gearbeitet, habe aber auch Zeichnungen, Collagen, Fotografien und Siebdrucke ausgestellt- zirka 30 Objekte. Es sind nicht alle Stück neu, aber die neue Glasserie habe ich in den letzten Monaten erstellt. Die Arbeit mit Glas ist sehr aufwändig, ein Kunstwerk habe ich meist dreimal im Ofen und ein Brand dauert ca. 24 Stunden. Hergestellt habe ich die Arbeiten bei uns im Atelier Schlot. Das künstlerische Arbeiten hier tat wieder mal sehr gut. Gestern hatte ich dann die Vernissage und ich habe mich sehr gefreut, dass so viele Leute gekommen sind. Einige Arbeiten habe ich auch verkauft.
Apropos Schlot: Wir sitzen hier in dieser wunderbar eingerichteten Fabrikshalle slash Atelier slash Proberaum slash Veranstaltungsraum. Was ist der Schlot? 
Birgit: Genau, das Schlot beinhaltet Atelier, Proberaum und Kultur. Ursprünglich habe ich nach einem Ort gesucht, wo ich mich dem Glas widmen kann und Platz für meinen Ofen und den ganzen anderen Krempel habe. Ich bin gelernte Glaserin, habe im Franckviertel meine Lehre gemacht und hab nach zehn Jahren arbeiten das Studium Bildhauerei: transmedialer Raum auf der Kunstuni Linz begonnen. Dort war es dann für mich nicht so einfach mit dem Glas, weil dieses Material immer noch so einen seltsamen Kunsthandwerks-Touch hat. Wobei ich persönlich Handwerk und den professionellen Umgang damit, für sehr wichtig halte. Ich habe das Studium aber abgeschlossen und mich um ein eigenes Atelier umgeschaut. Eine Freundin hat mir von einer leeren Fabrikshalle im Franckviertel erzählt. Ich habe sie mir angesehen und war sofort begeistert. Die 200m2 waren für mich alleine allerdings zu viel. Ich hab mir überlegt, was ich draus machen könnte (nämlich ein Gemeinschaftsatelier und einen Proberaum ) und hab dann meinen Freund, einen Freund und einen Studienkollegen animiert mitzumachen. 
Mittlerweile sind wir zu neunt und jede*r arbeitet an verschiedenen Projekten. In den Bereichen der Bildhauerei, Musik, experimentelle Gestaltung, Video, Handwerk und Malerei. 
Der Schlot hat sich aber auch zum Kulturbetrieb entwickelt und so haben wir regelmäßig Veranstaltungen bei uns. Konzerte, Ausstellungen, Diskussionsrunden, den Pflanzlmarkt im Frühling, unser Schlommerfest im Sommer und den Christgsindlmarkt im Winter. 
Den Kulturbetrieb mach ich hauptsächlich mit David und Flo, die zum Gründungsteam gehören und neuerdings nun auch mit Julian, der vor gut zwei Jahren miteingestiegen ist. 
Wir bekommen viele Anfragen von Künstlerinnen und Künstlern, die unseren Raum toll finden und ihn bespielen wollen, mit welcher Kunst auch immer.
Ihr seid jetzt doch schon recht bekannt, FM4 hat ein Überraschungskonzert von Madsen gegeben, Folkshilfe und Average haben bei euch ein Video gedreht, und Hubert von Goisern, dessen Kulturpreis du heuer gewonnen hast, war dann auch noch bei einer Diskussionsrunde vor Ort. Man könnte sagen es läuft?
Birgit: Ja das könnte man sagen. 2019 war ein super Jahr. Unser Bekanntheitsgrad hat sich durch den Hubert von Goisern Kulturpreis nochmal ziemlich gesteigert. Auch, weil es Hubert wichtig ist, neben dem Preisgeld zusätzlich eine Bühne für die Initiativen und KünstlerInnen zu schaffen. Und das funktioniert mit seinem Bekanntheitsgrad natürlich viel besser bzw. schneller.
Dadurch, dass es als Künstlerin und Kulturarbeiterin finanziell immer eine Herausforderung ist, habe ich mich unter anderem mit dem Schlot beworben. Ich habe ehrlich gesagt nicht daran geglaubt, dass ich das dann wirklich gewinne. Auch als ich eine SMS mit der Bitte um Rückruf von einem Hubert (v.G.) bekommen habe, habe ich eher gedacht, dass es sich dabei um meinen neuen Versicherungsvertreter handelt und mich nicht gleich zurückgemeldet.
Und wie ist es so mit dem Publikum, welche Leute kommen so zu euch?
Birgit: Sehr gemischt. Es kommen schon hauptsächlich die Leute aus der Linzer Kunst-und Kulturszene zu uns, wobei das natürlich auf die Veranstaltung ankommt. Die Franckviertler*innen kommen eher auf den größeren Veranstaltungen vorbei. Durch Kooperationen mit dem Nachbarschaftsbüro und dem Stadtteilzentrum wollen wir das verbessern und versuchen die Scheu vor dem Künstler-Atelier ein wenig abzulegen. 
Also Franckviertel, ist das ein Vorteil oder ein Nachteil?
Birgit: Haha, ja beides irgendwie und es kommt auch darauf an. Bei Veranstaltungen ist es schon schwieriger, die Leute aus der Innenstadt zu motivieren, herauszukommen. Der Weg ist für Linzer Verhältnisse doch nicht gleich um die Ecke und so haben wir natürlich keine Laufkundschaft. Aber was das Atelier und den Proberaum angeht, hat der Standort auf jeden Fall viele Vorteile. Die Miete wäre für so einen Platz in der Innenstadt unleistbar. Wir haben einen großen Garten, eine super Infrastruktur, man kann rundherum überall gratis parken und Öffentlich fährt man mit dem Bus 15 Minuten hierher. Mit dem Rad ist man sowieso gleich da. Die Leute glauben oft, es sei eine halbe Weltreise zu uns, dabei ist es das nicht. Wir wurden allerdings schon öfter mit der Kunst- und Kulturszene in Metropolen wie Berlin oder New York verglichen. Also doch irgendwie eine Weltreise, nur kürzer.
Wir Schlotis fühlen uns sehr wohl im Franckviertel und finden es auch toll, etwas zur Stadtteilentwicklung beitragen zu können. Und ich bin durch meine Lehre damals, sowieso seit fast 20 Jahren emotional mit dem Viertel verbunden. 
Wie siehst du dich als Frau in der Kunstszene? 
Birgit: Ich hab es mir beruflich noch nie leicht gemacht. Damals als Glaserin war es schon  sehr spannend, überhaupt eine Lehrstelle als Frau zu finden. Jetzt, wo ich versuche im Kunst- und Kulturbereich Fuß zu fassen, merke ich wieder, dass es schwieriger ist, ernst genommen zu werden.
Generell denke ich, dass man sich als Frau mehr behaupten muss, um überhaupt gehört  und anerkannt zu werden. Ich gehöre zum Typ „aufopfernd“ und muss auf alle Fälle gut aufpassen, meine Grenzen nicht zu überschreiten und nicht zu viel zu arbeiten. Andererseits wären wir im Schlot aber auch nicht so weit gekommen, wenn ich das nicht wär, haha.
Mein Geld verdiente ich mir in den letzten beiden Jahren nach meinem Diplom, in einem Biohofladen. Bewusst nur Teilzeit, um nebenher genug Zeit für den Schlot-Aufbau zu haben. Die Arbeit im Kulturbetrieb ist ehrenamtlich. 
In einem Monat werde ich nun allerdings Mama und dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht die finanzielle Absicherung habe, die ich einst hatte, ist (trotz Partner) manchmal schon schwierig für mich zu akzeptieren. 
Das hab ich mir in der Vergangenheit, als ich noch die Leitung einer sozioökonomischen Glaserei für Mädchen über hatte und die ich für das Kunststudium aufgab, auch anders vorgestellt. Aber damit muss ich erstmal leben. 
Wir haben bei der Gründung des Schlots wirklich jeden Euro hineingesteckt und sind froh, dass es nun das ist, was es ist. Der Wunsch ist natürlich, in Zukunft einen fixen Kulturbetrieb mit Arbeitsplätzen zu schaffen. 
Die Frage, die wir immer zum Schluss fragen: Wann war deine Kunst der Stunde?
Birgit: Ich glaube es war schon damals die Entscheidung, Glaserin zu werden. Ich war immer schon sehr kreativ, wusste aber nicht welche Ausbildung ich machen soll. Außerdem war Kreativität in meinem Umfeld irgendwie nie ein ernstzunehmendes Kriterium für eine Berufswahl. Aber ich habe mich sehr wohl damit gefühlt, als Frau eine Glaserlehre zu machen.  Ich konnte dort glücklicherweise meine Kreativität ausleben und musste nicht nur auf Baustellen fahren. Und ja, es hat sich auf alle Fälle ausgezahlt. 
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