Fertig – okay, und jetzt?
„Hearst du mi? … Und siagst du mi?...“ Fragen, die sich normalerweise bei unseren Interviews nicht stellen. Doch die Zeiten machen das notwendig. Denn wir führen unser Interview mit Kollektiv Brause am 5. Mai 2020, mitten in der Corona-Zeit über Skype. Es dauert eine Zeit, bis wir die Verbindung zu allen haben. Aber schlussendlich sehen wir alle. Und wir hören alle. Und was wir zu hören bekamen, das kann sich sehen lassen. Und lesen. 
Kollektiv Brause, das sind Sophia Wäger und Barbara Oppelt. Brause, das klingt prickelnd und bunt. Mit diesem Gedanken haben sich die beiden auch auf den Namen geeinigt. Was viele andere sich allerdings bei diesem Namen gedacht haben und was es mit ihrer Quaterlife Crisis auf sich hat, haben sie uns erzählt. 
Hallo ihr zwei, schön, dass ihr euch für uns Zeit genommen habt. Wie geht's euch in diesen Zeiten?
Barbara: Ja, eigentlich ganz gut. Am Anfang war es eine ziemliche Umstellung, vor allem, weil wir nicht face-to-face miteinander und nebeinander arbeiten konnten. Aber mittlerweile haben wir uns drauf eingestellt. 
Sophia: Mir ist jetzt aufgefallen, dass es vor allem mit der Inspiration schwierig ist gerade. Mich inspirieren hauptsächlich Menschen und meine Umgebung. Das habe ich in dieser Zeit ehrlich gesagt schon sehr vermisst. Ganz unbewusst hat mich z.B. meine Arbeitskollegin oder mein Chef, der Weg zur Arbeit und sei es nur die furchtbare Landstraße, inspiriert. Das habe ich auch erst jetzt gemerkt, als ich diese Gespräche und Wege nicht mehr hatte. Ich bin zwar hier immer von Vögeln umgeben und Natur eben, aber das Menschliche, der Trubel, gute Gespräche gehen mir schon echt ab. 
Barbara: Ja es sind eben die Wege, die Bewegung wo man Dinge verarbeitet und weiterdenken kann. Und jetzt gibt es hauptsächlich die Wege zum Kühlschrank oder aufs Klo. 

Das erste große Projekt von Kollektiv Brause war die Umgestaltung des Foyers im Kuddelmuddel Linz. Dem PiPaPo. Erzählt mal, wie es dazu gekommen ist? 

Barbara: Wir haben schon vorher zusammen Projekte gemacht und das hat sehr gut funktioniert hat. Darum wollten wir gemeinsam unser Masterprojekt an der Kunstuni Linz machen.. Uns war es total wichtig, dass unser Projekt einen Nutzen, eine Verwendung hat und nicht in der Schublade landet und niemand mehr anschaut. Unsere liebste Zielgruppe sind Kinder und Jugendliche. Wir illustrieren sehr gerne, wollten aber noch einen Schritt weiter gehen.  

Irgendwie sind wir dann bei unserer Suche nach Kooperationspartner*innen zum Kuddelmuddel gekommen. Dort durften wir den Eingangsbereich umgestalten und haben interaktive Stationen installiert. Wir mussten uns also neben unseren Hauptaufgabengebieten Illustration und Graphikdesign auch gleich noch als Architektinnen probieren. Wir haben Pläne gezeichnet und getischlert. Da sind wir dann echt an unsere Grenzen gestoßen und haben sehr viel dazugelernt. Es war richtig anstrengend, aber richtig cool.

Wie ist es dann danach? Wenn man so ein großes Projekt abgeschlossen hat? 
Sophia: Am Tag der Eröffnung waren wir die glücklichsten Menschen überhaupt. Aber danach brauchten wir schon etwas Abstand. 
Barbara: Ja, danach trauten wir uns eine Zeit lang gar nicht mehr ins Kuddelmuddel, weil wir Angst hatten, dass irgendetwas nicht passt oder bereits kaputt ist. Dabei hat eh immer alles gepasst, wie wir dann gesehen haben. 
Sophia: Der Leiter vom Kuddelmuddel meinte, dass ihr größtes Problem sei, dass die Kinder nicht mehr heimgehen wollen. Das ist wohl das größte Kompliment an uns. 

Ist aus diesem Projekt euer Kollektiv Brause entstanden?
Sophia: Nach dem Masterprojekt sind wir so ein bisschen in eine Quaterlife Crisis gefallen. Wir waren komplett durch. Und dann fragt man sich: „Fertig, okay und jetzt?“ Geht man Vollzeit arbeiten? Werden wir selbstständig, zu 100%? Es gab viele, viele offene Fragen. Und dann ist doch ein Projekt nach dem anderen gekommen… 
Und zum Namen: Wir haben während einem Picknick im Park unseren Namen erkoren. Wir haben bei Brause an etwas Prickelndes, Buntes gedacht. Weil wir bei unseren Projekten viel mit Muster und Farbkontrasten arbeiten. Wir sind aber auch schon auf Leute getroffen, die bei Brause an Duschkopf dachten und dann gefragt haben, ob wir gemeinsam duschen gehen. Oder manche denken auch an medizinische Brausetabletten. 
Barbara: Wir haben eigentlich an eine prickelnde Ahoi-Brause gedacht. 
Ihr habt gerade neue Projekte angesprochen. An welchen Projekten arbeitet ihr gerade?
Barbara: Wir machen gerade ein Handbuch, wo Anlauf- und Beratungsstellen für Jugendliche und junge Erwachsene in Linz und Urfahr Umgebung zusammengefasst werden. Das umfasst Illustrationen, sowie Graphik Design und eine Website wird es auch geben. In diesem Projekt geht es besonders darum, Kinder und Jugendliche mit nicht so gutem Background zu unterstützen. Also wenn jemand Hilfe braucht, um seine eigenen Stärken zu erkennen, Schwierigkeiten mit der Berufswahl oder ein Abhängigkeitsproblem hat, Unterstützung bei der Freizeitgestaltung braucht, oder auch von Cybermobbing betroffen ist.
Sophia: Diesen Jugendatlas kann man sich wie ein kleines Büchlein vorstellen. Das wird auch kostenlos zur Verfügung gestellt und kommt direkt an Institutionen und Personen, die Bedarf haben. 
Arbeitet ihr da direkt mit Berater*innen zusammen?
Barbara: Ja. Wir arbeiten mit zwei Coaches sehr eng zusammen und haben immer Feedback von ihnen eingeholt, ob das für die Zielgruppe auch funktioniert. Es war oft ein Hin und Her, aber es war auch sehr wichtig, weil sie das pädagogische Knowhow haben und direkt wissen, was die Zielgruppe braucht. 
Sophia: Anweisungen wie „Du musst denken wie ein Punk oder wie jemand, der kein Dach über den Kopf hat“ waren da sehr hilfreich. 
Und dann ist noch unser Kinderbuch herausgekommen. „Tek und Tük finden das Glück“ – ein Bilderbuch über Toleranz und Akzeptanz! Dieses Projekt war auch sehr zeitintensiv. Aber jetzt kann man es online schon kaufen – ab Herbst dann auch überall im Handel. 
Ihr arbeitet an sehr vielen Projekten gleichzeitig und alle sind sehr unterschiedlich. Wie geht es euch mit der Vielfalt?
Wir sagen gerne zu vielen Projekten ja. Da müssen wir aufpassen, dass das nicht überhandnimmt. Leider müssen wir gerade noch ein bisschen darum kämpfen, dass wir den Studentinnenstatus loswerden. „Ihr macht das eh gern. Ihr macht das eh zu einem günstigeren Preis“, kommt leider immer noch sehr oft. Das ist gerade eine große Challenge, die wir aber gerne annehmen. Wir haben einiges an Berufserfahrung. Dennoch ist es immer wieder eine Herausforderung Art Director, Chefin und Projektleiterin zu sein und die ganze Spannweite des Projekts abzudecken. Mit den Kund*innen ins Gespräch kommen, Preise erklären, von Projektmanagement bis zur Umsetzung, mit der Druckerei telefonieren, das summiert sich dann. 
Räumliche Gestaltung, Illustrationen, Grafik Design. Ihr seid sehr vielfältig. Wäre es nicht einfacher sich auf eine Disziplin zu konzentrieren? 
Barbara: Nein, wir sehen das eher als „gefährlich“ an. Wir wollen uns weiter entwickeln, weil sonst ist man sehr schnell in dem Routinehamsterrad und für Folgeaufträge ist es gut, wenn man eine große Bandbreite vorweisen kann. 
Sophia: Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass viele Kund*innen, Künstler*innen wegen dem eigenen Stil buchen. So einen ganz konkreten Stil haben wir nicht und wollen unsere Arbeiten auch immer an den Kund*in anpassen und auf die Wünsche eingehen. Wir finden, man muss sich die Zielgruppe und das Projekt genau ansehen um dann darauf abgestimmt gut zu arbeiten. 
Barbara: Ich glaube schon, dass wir einen Stil haben, bzw. man erkennt, dass das von uns ist. Es kommen aber auch immer unterschiedliche Dinge raus, weil wir eben auch zu zweit sind und gemeinsam daran arbeiten. Uns ergänzen und erweitern. 
Sophia: Wenn wir etwas illustrieren beginnt meistens eine und dann schicken wir uns die Dateien und die andere macht weiter. Oder wir treffen uns und tauschen die iPads aus. Das ist für uns die beste Methode, wie wir gemeinsam Projekte machen und unsere Stile am besten zusammen gehen. 
Barbara: Zu Beginn haben wir schon eine Research Phase, damit wir auch sehen in welche Stimmung es gehen soll. Wenn wir uns dann beide sicher sind, starten wir mit den Entwürfen- und dann ist eh immer so ein hin und her. 
Eine Frage stellen wir immer – nämlich wann eure Kunst der Stunde war? Wann habt ihr gewusst, dass ihr im Kunstbereich tätig sein wollt?​​​​​​​
Sophia: Bei mir war es zu Weihnachten. Ich habe ein Ölfarben- Malset vom Hofer bekommen. Ich habe nicht gewusst, wie die Farben funktionieren und war deshalb sehr traurig. Ich bin dann zu meinem Opa in sein Atelier und er hat mir gezeigt, wie man mit den Ölfarben umgeht. Da habe ich dann gelernt wie man einen Apfel zeichnet und auch dass ein Apfel mehr Farben beinhaltet außer rot. Sondern auch gelb, grün, blau, schwarz. Und man dadurch Tiefe und Struktur erzeugen kann. Das war der Tag, an dem ich gewusst habe, dass mir das sehr viel Spaß macht und mich erfüllt. Ab dem Zeitpunkt habe ich dann auch sehr viel gezeichnet und gemalt. 
Barbara: Bei mir gab es keinen richtigen Moment. Ich habe immer schon sehr gerne gezeichnet. Meine Mama hat mir erzählt, dass sie mich nie beschäftigen mussten. Mit einem Stift war ich schon zufrieden und ich habe in Ruhe gezeichnet. Es war immer schon ein Hobby und eine Leidenschaft. 


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