„Die Kamera hat mich von Anfang an zu Orten geführt, an die ich ohne Kamera nie gekommen wäre.“
Franzi Kreis ist Künstlerin mit dem Schwerpunkt Fotografie. In ihrer Arbeit interessieren sie vor allem Menschen und deren Geschichten. In dem Moment, wo sie die Kamera in die Hand nimmt, gelingt es ihr eine Schicht tiefer zu gelangen und das einzufangen, was die Person, die Situation oder die jeweilige Atmosphäre ausmacht. Die Vielschichtigkeit ihrer Arbeit wird vor allem in den aktuellen Projekten Finding Motherland und Father Earth sichtbar, wo Geschichten gehört, weitergegeben und auch auf bildlicher Ebene dargestellt werden.
„Das, was man hört, hat sehr viel damit zu tun, was man bereit ist zu hören.“  

Im Interview erzählt Franzi über das Eintauchen in andere Lebensgeschichten, wie die Kamera ihr die Möglichkeit gibt Orte zu besuchen, die sie sonst nie gesehen hätte und was ein Foto ihres Hundes mit ihrer professionellen Karriere zu tun hat. 


Derzeit arbeitest du an zwei sehr spannenden Projekten: Finding Motherland und Father Earth. Dabei interviewst du Töchter über ihre Mütter und Söhne über ihre Väter und schließt dieses Gespräch dann mit einer Fotoserie der jeweiligen Tochter/Sohnes ab. Was steckt dahinter, wie verlief der Arbeitsprozess und vor allem, wie bist du auf die Idee gekommen?
Franzi: Die Idee zu Finding Motherland entstand aus einem Gespräch mit meiner Mutter und meiner Großmutter, als ich sie über Geschichten ihrer Mütter befragt habe. Daraus entstanden dann Gespräche mit Freundinnen und Arbeitskolleginnen, die jeweils auch von Geschichten ihrer Mütter erzählten. Im Sommer 2017 begab ich mich auf eine Balkanreise und somit auf die Spuren der eigenen Familiengeschichte.
Ich habe sehr schnell bemerkt, dass sich viele Erinnerungen und Bruchstücke aus der jeweiligen Familie in der Körpersprache wiederfinden und das auch auf bildlicher Ebene sichtbar wird wie z.B. gewisse Gesten oder Körperhaltungen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Und da kam dann auch wieder die Fotografie ins Spiel. Nach dem Gespräch folgte dann immer eine Fotoserie, der jeweiligen Tochter, oder eben auch des jeweiligen Sohnes. Denn nach der Ausstellung Finding Motherland, wollte ich gleich mit Father Earth anschließen, wo Söhne über ihre Väter berichten. Das ist mittlerweile eine sehr umfangreiche Serie geworden – ich habe mit etwa fünfzig Frauen und vierzig Männern gesprochen. Das ist schon ein ziemlicher Einblick.
2020 wurde die Ausstellung Finding Motherland dann in Wien gezeigt, danach wurde ich nach Moskau eingeladen, wo ich drei Tage vor dem Lockdown wieder zurückgekehrt bin. Das war richtige Maßarbeit. Im April 2020 wurde die Ausstellung in Bosnien gezeigt, wobei ich alles über den diplomatischen Kurier gesendet habe, da hatte ich keinen Platz mehr im Koffer. Father Earth ist gerade im Entstehen, eine Wanderausstellung ist im Frühjahr 2021 geplant. 
Worüber sprichst du mit deinen Interviewpartner*innen? Was möchtest du in den Gesprächen erfahren? 
Franzi: Mir geht es um eine Sammlung unterschiedlichster Perspektiven von Söhnen auf Väter und von Töchtern auf deren Mütter. Und vor allem diese Perspektiven nicht zu bewerten. Es gibt Fragen, die ich immer stelle, wie die Eröffnungsfrage: „Was weißt du über die Kindheit deiner Mutter, deines Vaters?“  Aber zum größten Teil ist das Gespräch improvisiert, weil es eben auch ein Gespräch sein soll und Vieles sich dann von selber ergibt. Es ist für mich als Fotografin total erstaunlich, was das Zuhören hervorbringt. Es ist oft gar nicht so leicht, jemanden zuzuhören, bis er/sie wirklich fertig erzählt hat. Ich merke, dass das eine ganz besondere Entwicklung innerhalb des Projektes war, weil man auch selber eine gewisse Bereitschaft entwickeln muss, gewisse Themen zu hören. Das, was man hört, hat sehr viel damit zu tun, was man bereit ist zu hören. Das wiederum bildet sich in unterschiedlicher Intensität auf den Fotos ab. Weil diesen Moment kann ich nicht künstlich darstellen im luftleeren Raum. Es ist dann wirklich ein Raum, den wir im gemeinsamen Gespräch betreten und der die Bilder sehr stark prägt.
Was war die Idee hinter dem Konzept, Töchter sprechen über ihre Mütter und Söhne sprechen über ihre Väter?
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Franzi: Ich glaube, es ist einfach spannend, weil es zwischen Töchter und Mütter und zwischen Söhne und Väter in mehreren Richtungen interessante Reibungspunkte gibt. Ich habe ganz pragmatisch begonnen, weil ich selber eine Tochter bin. Es hat sich alles sehr von innen heraus entwickelt. Zuerst gab es ein Gespräch mit meiner Oma, dann mit meiner Mama, dann mit Freundinnen, dann mit Arbeitskolleginnen und dann war es auf einmal ein Projekt. Und dann war dann ganz schnell der Wunsch da, dass auch die Söhne über ihre Väter sprechen.

Du hast dich für deine Ausstellung in Wien für leerstehende Gebäude in den Außenbezirken entschieden. Was war deine Intention?

Franzi: Ich war auf der Suche nach leeren Ladenlokalen, die von der Straße aus zu betreten sind, damit die Ausstellung Menschen zufällig beim Vorbeigehen erreicht. Die Idee von Zwischennutzungen hat mir schon lange gefallen. Gleichzeitig finde ich es spannend, den Radius etwas weiter zu fassen, denn Wien ist bis an seine Stadtgrenzen hinaus mehr als nur einen Spaziergang wert. Ich selbst liebe es, vom Weg abzukommen und mich zu verlaufen - außerhalb vom eigenen Grätzl wartet eine Unsumme an neuen, spannenden Ecken. Das Umherwandern passt auch wieder zu den gesammelten Lebensgeschichten, die mich über meinen gewohnten Horizont hinausbringen.

Du hast zwischen den beiden Projekten deinen ersten Bildband „Limelight“ veröffentlicht. Erzähl mal davon.

Franzi: Ich habe 2015 damit begonnen, auf Spuren von Clownesken Figuren, Verwandten der Harlekin Figur, die ja so eine Mittelposition zwischen verschiedenen Welten einnimmt, begeben. Da habe ich mich auf die Hinterbühnen verschiedener Theater bewegt, habe den Zirkus Roncalli, aber auch im Burgtheater fotografiert und daraus ist dann wirklich eine breit gefächerte Geschichte geworden. Nachdem dann im letzten Jahr im Frühling klar war, dass nun in den nächsten Monaten keine neuen Backstagefotos entstehen werden, war dann irgendwie eine sehr schnelle Entscheidung gefasst, dass ich das fünfjährige Projekt nun abschließen werde und der Bildband veröffentlicht wird. 
Gibt es etwas Bestimmtes, das du in deinen Bildern einfangen möchtest?

Franzi: 
Es interessieren mich einfach Menschen – Menschen und ihre Geschichten. Die Fotografie ist deshalb das Mittel meiner Wahl, weil ich das Gefühl habe, eine Schicht tiefer zu kommen in dem Moment, indem ich die Kamera in die Hand nehme. Ich bin damals, als ich mit der Fotografie begonnen habe mit der Kamera an Orte gelangt, an die ich mich sonst nie getraut hätte zu gehen. Beispielsweise Backstage von einem Festival. Mit der Kamera hatte ich einen Grund dort zu sein. Deshalb war die Kamera immer eine sehr ehrliche Möglichkeit den Vorhang zur Seite zu ziehen, natürlich immer unter der Voraussetzung, dass auch ich bereit bin mit einer Offenheit zu begegnen. 
Wenn ich auf meine Arbeit zurückblicke, berühren mich die Bilder am meisten, die etwas hervorgebracht haben, das ich zuvor nicht erwartet hätte. Oder wo ich mir die Fotos danach anschaue und mir denke „Wow, da hat mich die Kamera, wohin geführt, wo ich ohne Kamera nicht hingekommen wäre.“ 
Und ein positiver Grundton ist mir in meiner Arbeit sehr wichtig. Portraits, die etwas Verbindendes schaffen, etwas Bestärkendes haben. Deswegen interessiert mich auch das Zuhören und das Geschichten erzählen, weil sich das in ein größeres Ganzes einbettet.

Woher nimmst du deine Inspiration? Gibt es Vorbilder?

Franzi: Ich bin ein großer Annie Leibovitz Fan. Da gibt es einen Bildband, das mich sehr inspiriert, „a photographer's life“, da sind Fotos von 1990 bis 2015 und es ist eine Durchmischung von aufpolierten, glamourösen Portraits, und Fotos aus dem privaten Raum, wie z.B. von einem Paar in der Küche. Das ist für mich ein sehr wichtiges Werk, weil es so ein Leben im Ganzen fasst. Inspiration erhalte ich viel aus der Musik und aus der Zeit mit befreundeten Künstler*innen, und durchs Spazierengehen. 

Wann war deine Kunst der Stunde? Gab es einen Zeitpunkt, wo du wusstest, dass du für die Fotografie brennst? 

Franzi: Es gab da einen sehr frühen Punkt in meinem Leben mit 14 Jahren. Da habe ich ein grandioses Foto von meinem Hund aus einem sehr lustigen Winkel gemacht. Das hat damals eine Freundin meiner Mutter zu Gesicht bekommen und sie meinte „Du musst Fotografin werden“- dann war das irgendwie entschieden. 

Danach war das natürlich nicht immer so ein geradliniger Weg, aber die Fotografie war immer das, worauf ich zurückgekommen bin. Das war das, was ich immer gemacht habe, egal was war, Fotografie war immer da. Es gab dann nochmal einen Moment, auf einer sehr spannenden Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn durch die Mongolei, bis letztlich in den Vietnam. Da war auch die Kamera als ein sehr wesentliches Element mit dabei, um eben auch die Vielzahl der Eindrücke verarbeiten zu können, die man im Kopf gar nicht mehr so sortieren kann. Daraus entstand dann auch eine Ausstellung, die wahnsinnig gut besucht war. Das war sicher auch so ein Moment, wo auf einmal so ein großes Interesse da war. Das war für mich so ein Schub, der mich mitgenommen hat, die Erkenntnis – da gibt es was zu tun für mich. 

Was bewegt dich gerade? Im Großen oder im Kleinen

Franzi: Mich bewegt gerade die Frage, wie man am besten träumt, dass sich Träume in Wirklichkeit verwandeln. Und das aber wirklich auf die Gesellschaft bezogen, weil ich das Gefühl habe, dass gerade von außen so viel Ausbremsung stattfindet. Ich glaube es ist von Bedeutung, dass man von dem Moment, wo man eine Vorstellung, eine Idee, eine Vision von einem guten Leben oder davon wie die Welt sein sollte, hat, diese Träume auch wirklich versucht in die Tat umzusetzen.​​​​​​​​​​​​​​
das Interview führte Katharina Augendopler mit
Franzi Kreis am Dienstag den 2. März 2021, online
die Fotografien entstanden mit einer zur Verfügung
gestellten Einwegkamera
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