In einer sehr bewegten Zeit, wie wir sie alle gerade erleben, die vor allem auch für Künstler*innen und alle, die im Kunst- und Kulturbereich tätig sind, sehr herausfordernd sind, haben wir uns gedacht, wir holen uns noch mehr Bewegung auch zur Kunst der Stunde. Zu diesem Anlass haben wir Farah Deen interviewt. Sie ist Tänzerin, Choreografin, Jurorin und noch vieles mehr. Davon und was Red Bull mit dem Stolz ihres Vaters zu tun hat, hat uns Farah im Interview erzählt. 
Schön, dass du da bist Farah. Ich muss zugeben, ich bin ein kompletter Stranger im Tanz-Business, erklär mal bitte, was du so machst?
Farah: Das ist einfach die schwierigste Frage gleich zu Beginn. (lacht)
Wir machen das immer so.
Farah: Ich bin House und Hip-Hop Tänzerin und arbeite hauptsächlich im Performancebereich. Einerseits bin ich Choreografin, mache Tanztheaterstücke und choreografiere mit und für meine Crew Potpourri. Andererseits bin ich eben auch Tänzerin und arbeite mit verschiedenen Kompanien zusammen und habe auch ein paar kommerzielle Jobs wie Werbespots. Außerdem unterrichte ich auch, gebe Workshops und organisiere noch das Streetdancefestival Flavourama im Republic in Salzburg. Das ist jetzt schon sehr groß geworden, das drittgrößte Streetdancefestival in Europa. Das findet heuer schon das 12. Mal statt, dieses Jahr zum ersten Mal corona-bedingt online. 

Wie bist du dorthin gekommen und war dir schon immer klar, dass du diese Richtung einschlagen möchtest? 
Farah: Ich habe in Salzburg das Musische Gymnasium mit Schwerpunkt Tanz besucht und nebenbei verschiedene Tanzkurse belegt. Der Fokus war da schon immer auf Hip-Hop, wobei ich eigentlich mit österreichischem Volkstanz begonnen habe. Aus den Hip-Hop Klassen hat sich schnell eine Mädls Gruppe gefunden und wir sind dann auch gleich mal zu Meisterschaften gefahren. Die Reise ging dann auch gleich mal nach München und Paris. Wir haben viele Leute aus der Szene kennengelernt, die diese Kultur richtig leben, ohne groß Geld zu verdienen. Schnell haben wir bemerkt, dass es eine große Undergroundszene gibt und das hat uns auch total fasziniert. Seitdem waren wir bei vielen Battles, die sich aber vor allem auf B-Boying und Breaking spezialisiert haben. Da es wenig im Stand up Bereich, also House und Hip-Hop gab, haben wir Flavourama gegründet. 
Mein Papa aber wollte immer, dass ich etwas „gscheids“ mach, Medizin oder Jus studiere. Ich habe dann Recht und Wirtschaft in Salzburg studiert. Wobei ich nie wirklich auf der Uni war. Ich habe Vollzeit gearbeitet, voll viel getanzt, das Flavouramabattle organisiert und war zusätzlich noch bei Auditions. Irgendwann habe ich dann realisiert, dass das alles zu viel ist, hab gekündigt, schneller mein Studium abgeschlossen und mich voll auf das Tanzen konzentriert. 
Was sagt dein Papa jetzt zu deinem Schaffen?
Farah: Ja, er ist eh stolz ☺ Das ist jetzt auch klischeehaft, aber mein Papa hatte es damals als er nach Österreich gekommen ist, auch nicht leicht. Generell ist das in dieser Generation noch sehr verhaftet, eine richtige Ausbildung zu machen und auch gut davon leben zu können. Die kommerziellen Aufträge sind viel greifbarer, da kann er dann auch den Verwandten erzählen, dass ich z. B. von Red Bull unterstützt werde. 
2020, what a year! Wie geht es dir mit deiner Selbstständigkeit in diesem verrückten Jahr?
Farah: Corona kam in Wellen bei mir an. Ich musste meine Europatour mit meinem Solostück the Sky above, the Mud below der Hungry Sharks Company leider frühzeitig abbrechen, freute mich dann aber auch auf ein wenig Freizeit, eine gezwungene Pause. Danach kamen Zweifel, nach und nach kamen Absagen per Mail rein. Ich konzentrierte mich dann wieder auf Förderanträge, Research für mein neues Stück usw.
Im Nachhinein betrachtet war die Pause schon gut, um sich wieder einmal auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Prioritäten setzen, wo gehen meine Energien hin. Jetzt kommen auch wieder einige Jobs rein, wir haben eine Förderungszusage für ein neues Stück. Also es geht bergauf, es motiviert. 
Du arbeitest mit deiner Crew an einem neuen Stück. Erzähl mal darüber? 
Farah: Uns interessiert die Transformation von einem Club, der Underground Szene (3D Blick) in einen Theaterkontext mit Frontalshow. Das Setting zu verändern. Wir wollen zeigen, dass Housedance genauso berechtigt ist, abendfüllend gestaltet, gefördert und in verschiedenen Theatern der Hochkultur gezeigt zu werden. Houseward bound ist eine Koproduktion mit dem BRUT Wien. Den Aufführungsort wissen wir noch nicht, aber wir werden im März im Zuge des Imagetanzfestivals aufführen. 
Freie Szene und Finanzen, das ewige Thema. Wie gehst du damit um?
Farah: Es kommt drauf an, mit wem man zu tun hat. Ist es ein kommerzieller Auftrag, ein Werbespot oder ein Kurzfilm, oder ist es ein Showing bei einem Festival der freien Szene, wo alle von Förderungen leben und sowieso zu wenig vom Kuchen da ist. Ich habe früher sehr viel for free gemacht, ich sage auch nicht, dass das zu Beginn nicht auch ok ist, um Kontakte zu knüpfen und Leute kennenzulernen. Aber irgendwann muss man dann doch davon auch leben und soll es auch können. 
Aber ich komm auch immer wieder dazu Leuten zu erklären, dass ein 10 Minuten Auftritt mehr ist, als nur die 10 Minuten. 
David: Ja, erzähl mir mehr… Let’s talk about Revolution – euer neues Video. Wie kam es dazu? 
Farah: Das Video entstand, wo die Black Lives Matter Thematik noch nicht ganz so groß und aufgebauscht war. Wobei das natürlich immer Thema ist, vor allem im Hip-Hop und House Bereich. Wenn man sich mit den Wurzeln der Kultur auseinandersetzt, kommt man drauf, dass das ein Tanzstil ist, der von unterdrückten marginalisierten Gruppen gegründet wurde, die einen Weg gesucht haben, sich auszudrücken und eine Save Zone darin zu fanden. Und damit muss man sich immer beschäftigen, wenn man sich richtig mit der Kultur auseinandersetzen mag. 
Das Video an sich ist auch dadurch entstanden, weil Olivia und ich nach dem Lockdown unbedingt wieder etwas gemeinsam machen wollten und die Kreativität so aus uns herausgesprudelt ist. Wir haben uns dann eine tolle Location gesucht und haben das Video gedreht.  Wir haben den Song Revolution von Tracy Chapman ausgewählt, einen sehr politischen Song mit klaren Aussagen zum Thema Unterdrückung und Revolution. Als das Video dann fertig geschnitten war, war Black Lives Matter gerade sehr in den Medien vertreten und wir wollten das Video nicht ohne Kommentar posten. Wir stehen total hinter dem Movement und möchten unseren Kanal als Sprachrohr nutzen, um noch mehr Aufmerksamkeit auf die Thematik zu richten. Wir wollten das Ganze nicht ausnutzen und wollten es aber nicht nicht posten. 
Was bewegt dich in dieser Zeit? 
Farah: Ich beweg mich ziemlich viel. Von außen bewegt mich ziemlich viel. Alles fährt ein wenig runter und auf einmal ist mehr Zeit da, um zu reflektieren und sich auszutauschen, um zu diskutieren. Politik hat mich noch nie so arg interessiert, wie es jetzt der Fall ist. Auf einmal sind es so viele Leute in unserem Alter, die sich positionieren und wirklich darüber nachdenken, reden und diskutieren, Kunstwerke darüber machen. Man sagt ja oft, Kunst soll gesellschaftsrelevant sein. Mehr denn je, habe ich das Gefühl, dass ich was sagen will. Ich will ein Statement setzen und ich will auch, wenn es unangenehm ist, etwas sagen. 
Gerade letztens hatte ich einen Fall, wo ich in Prag bei einem Battle als Jurorin vertreten war. Der Moderator dort hat mich die ganze Zeit als Pocahontas aufgerufen. Es war am Anfang auch irgendwie lustig und habe es als Kompliment gesehen. Aber wenn Black Lives Matter nicht gerade so groß wäre und ich mich nicht so sehr damit auseinandergesetzt hätte und nicht reflektiert hätte, wo ich selber betroffen bin, hätte ich nichts gesagt oder es wäre mir gar nicht aufgefallen, dass diese Aussage eigentlich rassistisch war. Und dann habe ich zum ersten Mal etwas gesagt und bin stolz drauf. 
Ich sehe, dass gerade sehr viele Leute total offen sind darüber zu reden, die eigenen Verhaltensmuster zu analysieren und sich auch verbessern wollen. 
Und zum Schluss noch die Frage aller Fragen - wann war deine Kunst der Stunde? 
Farah: So richtig inspiriert hat mich Juste Debout – übersetzt: nur im Stehen, im Jahr 2015. Das ist ein riesiges Hip-Hop Event in Paris, mit 14 000 Leuten. Ein Event, wo sich alle treffen, um die Kultur, die Musik und den Tanz zu feiern. Da wusste ich, ok ich will nicht nur im Studio tanzen, sondern das ist das, wo ich hinwill:
Meine größte Inspiration!

24.08.2020, Wien
Choreography & Dance: Farah Deen & Olivia Mitterhuemer
Camera & Edit: Shereen Deen & Marko Mestrovic
Song: Tracy Chapman - Talkin’ Bout a Revolution (all rights reserved to the artist)

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