Eine eindrucksvolle und facettenreiche Stimme mit feinen Gitarren- und Mundharmonikaklängen: Clemens Bäre aka doppelfinger öffnet mit seiner Musik angenehme, weiche, aber auch neue Atmosphären, bei denen man gerne länger hinhört. Dieser Stimmung wirkt er mit seinen Musikvideos gekonnt entgegen, denn mit Gegensätzen zu spielen und dadurch neue künstlerische Räume zu öffnen, findet er spannend. Seine Einflüsse aus dem Folk sind von langen Busfahrten, bei denen er meistens Bob Dylan hörte, geprägt. Im Interview spricht er mit uns über seine neueste Single „knowingly“, über das Wissen und Nicht-Wissen und warum ihn Shakira oder Pop-Artist x aus den 2000er Jahren musikalisch unbeeindruckt ließ.
Ein Glücksgriff! Ich bin jetzt schon Fan. Wann gibt es mehr Songs von dir auf Spotify?
Clemens: Definiere mehr? Gerade vor kurzem ist meine neue Single „knowingly“ erschienen :–) Aber für das Album müsst ihr euch noch ein wenig gedulden. Die Songs für das Album wurden bereits im Sommer aufgenommen. Mein Label hilft mir nun etwas mehr Struktur in das Publishing zu bringen. Oft bin ich mir nämlich nicht mehr ganz sicher bei Sachen, die ich vor einiger Zeit aufgenommen habe, da stecke ich dann nochmal Arbeit rein und verändere einiges. Aber um es kurz zu machen: im Winter erscheint mein Album und davor werden Singles veröffentlicht. 
Also eine Perspektive ist bereits gegeben.
Clemens: Ja die Perspektive ist schon das übernächste Album in meinem Kopf. Ich glaub so geht es den meisten, immer wieder one „step ahead“ zu denken und auf der anderen Seite noch etwas fertig machen zu müssen. Da bin ich gerade mitten drinnen.
Deine erste Single „Trouble“ ist im Oktober 2020 erschienen. Wann kam bei dir der Wunsch deine Songs auch zu veröffentlichen?

Clemens: Früher habe ich Musik einfach für mich gemacht, mit dem Wunschgedanken mal live zu spielen und aufzutreten. Oft war ich zögerlich, einen Song fertig zu stellen und hab lange nichts fertig gemacht. Nun bin ich an einem Punkt angekommen, wo ich Songs auch fertig schreibe. Oft blicke ich nach einigen Monaten zurück und denke mir „I don’t know?!“ (lacht). Für mich ist das immer noch schwer und ich kämpfe nach wie vor mit Unsicherheiten gegenüber meinen eigenen Dingen. Aber gleichzeitig wäre es wahrscheinlich schlechter, wenn ich zurückschaue und mir denke „Wow das war perfekt“, denn so würde sich auch nichts verändern bzw. ich mich nicht weiterentwickeln. Die Erwartungshaltung, dass es perfekt sein muss, ist für mich schwierig. Um den Nino aus Wien zu zitieren „Es geht ums Vollenden“.

Wann hast du entschieden, deine Musik weiter zu veröffentlichen und mit einem Label zusammenzuarbeiten?

Clemens: Im Zuge vom Release meiner Single „Trouble“ wurde das Label InkMusic auf mich aufmerksam. Davor hatte ich zwar schon Kontakt mit Labels, aber daraus hat sich nie was Konkretes ergeben. Mit InkMusic hatte ich von Anfang an ein gutes Gefühl – sie unterstützen mich, geben mir aber auch genügend Freiraum. Das hat sich einfach super ergeben und darüber bin ich echt froh. Auch bei der Albumproduktion supporten sie mich, wo es geht, damit ich auch physisch etwas greifbar habe. Da bin ich dann wie ein kleiner Bub, der sich freut, nun endlich seine eigene Platte in den Händen zu halten.
Du bist ja selbst Gitarrist und schreibst auch deine Songs hauptsächlich auf der Gitarre. Wir hoffen auf viele Konzerte in nächster Zeit. Spielst du live mit einer Band oder anderen Musiker*innen?
Clemens: Es gibt verschiedene Set-Ups. Ursprünglich war doppelfinger als Soloprojekt gedacht und in der Coronaphase habe ich versucht das auszubauen, hab dann bei einer Livesession mit einer Cellistin gespielt und als ich Support-Gig vom Nino aus Wien war, habe ich mit Band gespielt. Es macht mir aber alles Spaß und es kommt auf den Anlass drauf an. Ich komme auch gerne wieder zum Ursprung zurück und spiele in kleinen Lokalen Solo. Die verschiedenen Facetten, aber auch die Möglichkeit verschiedene Umgebungen bedienen zu können, finde ich spannend.
Die Videos zu deinen Songs öffnen aus unserer Sicht nochmal eine ganz neue Ebene zum Vergleich, wenn man nur den Song hört. Was wolltest du mit dem Video zu „Trouble“ verstärken bzw. aussagen?

Clemens: Mich reizt es, aus meiner Komfortzone rauszukommen, Sachen zu visualisieren die grauslig und schräg sind. So wie eben im „Trouble“ Video, wo ich Performancekunst hinlege, denn normalerweise mach ich das nicht und bin eher introvertiert. Einerseits gibt’s schöne Elemente im Video, das schöne alte Hotel und die Fahrt dort rauf kombiniert mit andererseits einer ganz drückenden Stimmung. Mit solchen Gegensätzen zu spielen, finde ich spannend.

Vor kurzem ist eine neue Single von dir erschienen. Kannst du uns darüber ein bisschen was erzählen?

Clemens: Die neue Single heißt „knowingly“. Den Song habe ich „so nebenbei“ geschrieben. Ich hatte es anfangs gar nicht geplant, dass „knowingly“ auf das Album kommt. Ursprünglich ging es mir bei dem Song um die Diskrepanz zwischen: jede*r glaubt überzeugt davon zu sein, zu wissen was er*sie macht oder im Leben will – aber auf der anderen Seite weiß man eigentlich, dass man nichts weiß und muss sich das irgendwann mal eingestehen. Ich hab den Song schon einmal weggelegt, weil er mir nicht gefallen hat und vor einem Monat hat’s dann gepasst und ich hab gesagt „ok, das ist die nächste Single“. (lacht) 

Wir haben weiter dran gearbeitet und ihn neu aufgenommen. Dadurch hat er für mich eine neue Ebene bekommen, weil er nun vernetzter mit meiner familiären Geschichte ist. Es geht primär ums Wissen und ums nicht Wissen.


Wann war deine Kunst der Stunde, wann wusstest du, dass du Musik machen möchtest?

Clemens: Mir wurde schon früh bewusst, dass ich mich über Musik einfach besser ausdrücken kann. Mit 12 Jahren hatte ich meine Peak-Bob Dylan Phase, wo ich aus Frust beim Bus fahren immer Bob Dylan gehört habe. Da wurde mir klar, dass irgendjemand auf der Welt einen Song schreibt und ich höre den und fühle mich verstanden oder fühle auch wie es dieser Person geht, die den Song geschrieben hat. Das war der Ausgangspunkt meines Wunsches das auch machen zu können. Auch der Aspekt, dass hinter dem Medium keine Maschinerie steckt, sondern eine Person, die über eigene Geschichten und Emotionen schreibt. Davor habe ich natürlich auch Sänger*innen wie Shakira gekannt (also ich will jetzt nicht Shakira bashen), aber da kam für mich nichts rüber. Ich habe nicht gemerkt, was sie wirklich mit ihrer Musik aussagen möchte. Man kann eigentlich auch jede*n PopArtist x aus den 2000 Jahren einfügen. (lacht)

Wie bist du überhaupt zur Musik gekommen? Was waren deine Anfänge?
Clemens: Ziemlich klassisch – Blockflöte mit 7 Jahren in einer Volksschule in Oberösterreich. Laut meiner Mutter war ich ganz gut darin. In der Unterstufe habe ich mir damals ein „neues“ Instrument aussuchen sollen und ich wollte schon immer Gitarre lernen. Meine Mutter meinte aber, dass ich wegen meines Talentes an der Blockflöte, Posaune lernen sollte. In Oberösterreich ist das eigentlich das Eintrittsticket in die Blasmusik, aber das wollte ich nie. Ich hatte zum Glück einen tollen Lehrer, der mir Jazzposaune beigebracht hat. Im Nachhinein ärgere ich mich schon ein wenig, weil ich damals ja schon wusste, dass ich Gitarre spielen möchte und nicht Posaune. Ja, da sind wir wieder beim Wissen und nicht Wissen :—)
Ich habe mir dann mit 11 Jahren selbst das Gitarre spielen beigebracht und bin in eine Oberstufenschule mit Musik-Zweig gegangen. So richtig hat es mir dort aber nicht gefallen, da ich das Gefühl hatte in eine Richtung gedrängt zu werden. In den Augen meines Lehrers damals war ich auch nicht wirklich gut in Gitarre, aber ich glaub auch deswegen, weil ich eben mein eigenes Ding machen wollte. Ich merke das auch bei Musiker*innen, die das Instrument z.B. studiert haben, die manche Stile super beherrschen, aber irgendwie der eigene Ausdruck fehlt. Deswegen war ich erpicht dagegen, groß Dinge zu lernen, die ich nicht lernen will. Im Grunde stehe ich dann zuhause eh selbst an und muss meinen eigenen Weg finden und nicht nach Lehrer x oder System x funktionieren.
Was wünscht du dir für die Zunkunft?
Clemens: Mein Ziel ist es, finanziell unabhängig zu sein und von der Musik leben zu können. Ich versuche gerade meinen Brotjob mit der Musik zu kombinieren und das frustriert, weil ich dann überall Abstriche machen muss. Beim Brotjob und bei der Musik. Und ja ansonsten noch so viele komische Alben und Videos machen wie geht und so viel live spielen wie geht.
das Interview führte Katharina Augendopler und David Samhaber mit
doppelfinger / Clemens Bäre im Juni 2021
die Fotografien sind mit einer zur Verfügung
gestellten Einwegkamera entstanden
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